Herr Niemann feiert seinen 102`ten Geburtstag – Kennen sie noch den Kaiser?

 

Unser lieber Herr Niemann feiert heute seinen 102`ten Geburtstag.

Leider kann er ihn nur mit einem kurzen Besuch seiner Tochter feiern (Corona). Aber meine Kolleginnen wünschten ihn im Namen aller Bewohner/innen und Mitarbeiter/innen Gesundheit, alles Liebe und Gute.

In 102 Jahren kann man viel erleben. Herr Niemann ist bekannt für seine wunderbaren Geschichten.

Ich möchte ihnen hier gern ein Beispiel erzählen:

Ich  wohnte als kleiner Schuljunge in einem Dorf. Eines Tages kam meine Lehrerin an und sagte: „Kaiser Wilhelm II kommt das Dorf besichtigen und möchte sich auch unsere Schule ansehen.“ Alle im Dorf waren in großer Aufregung. Besonders meine Eltern. Denn ich war von allen Kindern auserwählt worden, dem Kaiser persönlich die Hand zu geben. Das Dorf wurde herausgeputzt und geschmückt. Und ich?  Ich bekam einen extra Badetag. Die Haare wurden  geschnitten und das Haar akkurat  gescheitelt. Nun muss man sich vorstellen, dass wir einen recht langen Weg zur Schule hatten. Über Stock und über Stein sozusagen.  Ich aber musste meine beste Kleidung tragen und alle passten auf, dass ich mich ja nicht schmutzig machte und das die Frisur sitzt. Was nicht ganz einfach war, da an diesem Tag wirklich kaltes und mieses Wetter war. Wir standen lange an der Straße und froren schrecklich. Dann endlich war es soweit. Wir stellten uns in einer Reihe auf. Ich ganz vorn. Alle Dorfbewohner  warteten gespannt auf Kaiser Wilhelm II. Da war er. Hoch zu Ross, ein paar Meter von mir entfernt. Aber anstatt zur Schule zu reiten, ritt er einfach durchs Dorf an uns vorbei, winkte allen zu und war weg.

Alle waren  überrascht und sehr enttäuscht. Er kam nicht zurück. Wir liefen schnell zurück nach Hause, damit ich aus den guten Sachen rauskam und wir uns aufwärmen konnten. Später wurde erzählt, dass dem Kaiser kalt war und er keine Lust hatte das Dorf und die Schule zu besichtigen. Er wollte auf seiner Reise nur schnell weiter und hatte wohl kein Interesse an unserem kleinen Dorf. 

Leider habe ich nie mehr die Gelegenheit gehabt, dem Kaiser die Hand zu geben.

„Ich bin also der kleine Junge, der dem Kaiser beinahe die Hand gegeben hat," meint unser Geburtstagskind lachend.

Jede Unterhaltung ist eine kleine Zeitreise. Sprechen sie ihn gerne an.